Lange Zeit galt Twitter unter Investoren und Prominenten als eines der coolsten Startups überhaupt. Die Verbreitung von Nachrichten in Realzeit im 140-Zeichen Format wurde en vogue. Twitter legte im November 2013 einen fulminanten Börsengang hin und wurde in der Spitze mit über $40 Mrd. bewertet. Der Kurs stieg im Januar 2014 bis auf $70. Dabei entstand der Kurznachrichtendienst Twitter ursprünglich aus der Not heraus als Nebenprojekt in einem Start-up namens Odeo. Das Management von Odeo überlegte die komplette Unternehmung zu schließen und den Investoren das restliche Geld zurückzuzahlen. Doch die Investoren überzeugte das zugehörige Twitter-Projekt und schossen dafür frisches Geld zu. Als im Frühjahr 2007 Twitter die unter Nerds und Hacker bekannte SXSW (South By Southwest) Konferenz übertragen durfte, wurde Twitter schlagartig weltweit populär. Twitter gelang in der Silicon Valley Sprache ein »Pivot«, d.h. der Geschäftszweck des Unternehmens dreht sich um 180 Grad – und dies bei hoher Business-Geschwindigkeit. Einen solch magischen Gedankenblitz erwarteten die Investoren von dem zurückgehrten Mitründer und jetzigen CEO Jack Dorsey. Er gilt manchen im Valley als neuer Steve Jobs. Ähnlich wie Jobs kam er als Heilsbringer zurück ins krieselnde Unternehmen und führt wie Jobs (Pixar und Apple) zwei Unternehmen gleichzeitig (Twitter und Square). Dorsey sieht Twitter als „live“ Instrument für die Realzeit Kommunikation im mobilen Zeitalter. Doch hier macht Facebook mit seinen neuen Beteiligungen Instagram und WhatsApp Twitter das Leben schwer. Dementsprechend stagniert auch die Mitgliederzahl von Twitter bei rund 300 Mio. und nach wie vor fehlen überzeugende Argumente die Werbetreibende dazu bringen, die Budgets auf Twitter zu erhöhen. Ein Ausweg könnte sein, dass Twitter, ähnlich wie Dell, wieder von der Börse genommen wird und in Ruhe ein neues Geschäftsmodell entwickeln kann. Mit dem ehemaligen Microsoft Chef Steve Ballmer und dem saudischen Prinz Alwaleed Bin Talal verfügt Twitter nicht nur über prominente, sondern auch sehr potente Geldgeber, die auch angesichts der rekordniedrigen Zinsen ohne Probleme eine Übernahme von Twitter stemmen können.

Nachdruck aus Börse Online